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Enjoy photography 4

20. September 18:00 bis 25. September 19:00

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ANAIS HORN, TOBIAS ZIELONY
enjoy photography 4 – Fragmente einer Sprache der Liebe

Schule Friedl Kubelka für künstlerische Photographie, Wien
an der PARALLEL VIENNA – Raum 2.58
Alte Post, Dominikanerbastei 11
A – 1010 Wien

Opening hours:
20 September 2016: 6–10pm OPENING
21 – 25 September 2016: 12am–7:00pm

Für die jährlich stattfindende Ausstellungsreihe „enjoy photography“ werden Künstler_innen, die an der „Schule Friedl Kubelka für künstlerische Photographie, Wien“ unterrichtet haben und Absolvent_innen zu einer Doppelausstellung eingeladen.

Für einen Moment Eins.
Text von Maren Lübbke-Tidow

Dass Anaïs Horns Bildern aus ihrer fotografischen Serie „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (fortlaufend, seit 2013) die beiden fotoanimierten Videos „Der Brief“ (2012) und „Danny“ (2013) aus Tobias Zielonys Werkkomplex „Jenny Jenny“ – der neben diesen beiden Fotoanimationen vierzig Fotografien umfasst – gegenübergestellt sind, ist zuerst einmal ein Wagnis. Denn die fotografischen Bilder aus Anaïs Horns Serie „Fragmente einer Sprache der Liebe“ und die fotografischen wie fotoanimierten Bilder aus „Jenny Jenny“ von Tobias Zielony sind zwar durch verschiedene stilistische Merkmale miteinander verbunden, die Voraussetzungen zur jeweiligen Entstehung dieser Arbeiten aber unterscheiden sich fundamental. Während Anaïs Horn Menschen fotografiert, zu denen sie in unmittelbarer und enger Verbindung zu stehen scheint, die Fotografie hier also als ein Mittel der Kontaktnahme und als Ausdruck eines unbestimmten, aber existenten Naheverhältnisses eingesetzt wird, sind Tobias Zielonys Porträtarbeiten fotografische Erforschungen in einem sozialen Raum, der von Suggestionen von Nähe bestimmt ist und daher immer wieder zu einer den Gegenstand der Untersuchung befragenden Distanznahme zwingt. Das soziale Umfeld, in dem Zielonys Aufnahmen von Frauen entstanden ist, ist – anders als die von Zwischenmenschlichkeit getragene Umgebung bei Anaïs Horn – sichtbar von Drogenkonsum und Prostitution durchzogen, und jede Nähe, die der Fotograf zu seinen Protagonistinnen wie ein teilnehmender Beobachter aufbaut evoziert zugleich ein Fremdbleiben. Hier gibt es also eine im Grundsatz voneinander verschiedene Haltung als Fotograf/in.
Was die jeweiligen fotografischen Porträtarbeiten eint – und dies ist das verbindende stilistische Merkmal bzw. die formale Ähnlichkeit der beiden Werkserien und betrifft auch die zu „Jenny Jenny“ gehörenden Fotoanimantionen –, ist, dass ihre Akteur*innen den Blick des Fotografen / der Fotografin nur vereinzelt erwidern: Zumeist führen die Blicke ihrer Protagonist*innen aus den jeweiligen Bildräumen hinaus ins Unbestimmte – bei Anaïs Horn blicken sie in sich selbst ruhend ins Außen, bei Zielony tun sie es erwartungsvoll-unruhig oder stumm-fragend. Zugleich wird in den jeweiligen Bildern ein den Akteur*innen zugewandter aufmerksamer Blick des Fotografen / der Fotografin selbst sichtbar. Beiden Fotografen ist es wichtig, die Integrität ihres Gegenübers zu wahren, sie nicht bloßzustellen oder ihre Verwundbarkeit auszustellen. Sie wird nicht verschwiegen oder zur Seite geschoben, aber nicht vorgeführt. Während in den Bildern von Anaïs Horn, wenn nicht über Blicke, so doch über oft zugedrehte, entspannte Körper ein Grundton der Verbundenheit in der Serie mitschwingt, so hält Tobias Zielony auch zu den gezeigten, oftmals angespannt wirkenden Körpern seiner Akteure vorsichtige Distanz.
In dieser Ausstellung sind den Fotografien von Anaïs Horn die zwei Fotoanimationen von Tobias Zielony aus „Jenny Jenny“ gegenübergestellt, und auch wenn Zielony insgesamt einen grundsätzlich anderen sozialen Raum beschreibt als Horn, so macht die Gegenüberstellung von Bildern aus den „Fragmenten einer Sprache der Liebe“ speziell mit dem Video „Der Brief“ einen Raum auf, der die Arbeiten trotz ihrer Verschiedenheit zusammendenken lässt. Der Umweg führt über Horns Titel ihrer Serie. In ihm zitiert sie Roland Barthes 1977 veröffentlichtes berühmtes Werk, in dem der strukturalistische Philosoph in rund 80 Begriffen die Schönheiten und Untiefen der Liebe einfängt bzw. unsere – oftmals diffusen oder verstörenden, immer aber ungreifbaren – Vorstellungen oder Ideen von Liebe. Als Linguist widmete Barthes sich also einen Gegenstand, der sich der Sprache permanent entzieht oder sich ihr widersetzt – wohl um ihm habhaft zu werden. Aber die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ sind nicht nur als linguistisches Projekt zu verstehen, sie können auch politisch gelesen werden, denn: „eine lange Kette von Ähnlichkeiten verbindet alle Liebenden der Welt“ – egal, in welchen sozialen Gefügen die Liebenden aufgehoben oder gefangen sind, egal, welchem gesellschaftlichen Raum sie angehören oder aus dem sie ausgestoßen wurden, egal, in welchen Zonen sie sich erlaubter- oder unerlaubterweise aufhalten, egal, welchen Status sie repräsentieren oder schon längst verloren haben, egal, ob sie gesund oder krank, fremd oder zu Hause sind usw.
Wenn wir also eine „Sprache der Liebe“ als thematisches Band zwischen den Arbeiten von Horn und Zielony aufspannen wollen, so kommen wir mit Barthes Begriffen, die sein Buch strukturieren und anhand derer er eine „Sprache der Liebe“ zu entwickeln versucht, ziemlich weit: Abhängigkeit, Abwesenheit, Allein, Anbetungswürdig, Angst, Askese, Berührung, Brief, Dämon, Drama, Eifersucht, Entwertung, Erfüllung, Erwartung, Exil, Fehler, Sehnen, Selbstmord, Szene, Umgarnung, Unbegreiflich, Unerträglich, Vermisst, Verrückt, Verstehen, Wahrheit, Warum, Weinen, Zärtlichkeit oder Zugrundegehen bilden hier einige der ausgewählten Anknüpfungspunkte – das sind Begriffe, die sofort etwas auslösen, ohne oftmals auch nur eine leise Ahnung zu haben, wie sie möglicherweise von anderen in Bezug auf die je eigene emotionale Gemengelage antizipiert werden.
Wenn Tobias Zielony in „Der Brief“ zwei Mädchen aus einem Brief vorliest, den ein Freier einer Prostituierten geschrieben hat, mit dem das alte Topos der Errettung des „leichten Mädchens“ aus seinem Dilemma erneut beschworen wird und sich zugleich die Ausweglosigkeit aus diesem Umfeld mitteilt und noch dieser letzte Versuch einer Art (missglückt-) romantischen Beschwörung mit der Kaltherzigkeit seiner Zuhörerinnen quittert wird – dann bleibt zugleich die die Szene begleitende emotionale Verwirrung auf allen Ebenen nicht unwahr. Vor allem ist sie mit Blick auf die unergründlichen Mechanismen der Liebe nicht falsch oder unwahrer als jede andere emotionale Verwirrung. Denn die Angst, verlassen zu werden oder immer schon verlassen zu sein, strukturiert wohl jede Empfindung, die wir mit Liebe verbinden. Sie ist universell.

Es sind diese Begriffe, die durch die Gegenüberstellung der Arbeiten führen, und die sie trotz aller Trennlinien, die zwischen diesen beiden unterschiedlichen Projekten aufscheinen, für einen Moment eins werden lassen und in denen sich Wolkenformationen („Auswege“), ein gemachtes Bett („Erwartung“), ein von Zärtlichkeit durchdrungenes Doppelporträt („Schweifen“) und andere Bilder aus den „Fragmenten“ sich plötzlich verbinden können mit „Dannys“ fröhlichem Tanz am nächtlichen Straßenrand in gleichmütiger Erwartung des nächsten Freiers.

Maren Lübbke-Tidow

Details

Beginn:
20. September 18:00
Ende:
25. September 19:00
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Veranstalter

Schule Friedl Kubelka

Veranstaltungsort

Parallel Vienna
Dominikanerbastei 11
Vienna, 1010 Austria

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