Villa Beer - © Herta Hurnaus
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Villa Beer ab März wieder öffentlich zugänglich

von Christine Khom

Am 8. März 2026 wird in Hietzing eine Tür aufgehen, die jahrzehntelang für die Öffentlichkeit praktisch verschlossen war: Die Villa Beer (Wenzgasse 12), erbaut 1929/30 als Wohnhaus für die Unternehmerfamilie Julius und Margarete Beer von den Architekten Josef Frank und Oskar Wlach, öffnet nach aufwendiger Restaurierung erstmals als Besuchsort. Und das ist mehr als ein “neues” Museum – es ist ein Stück Wiener Moderne, das man endlich wieder als Raum erleben kann, nicht nur als Foto.

Eine moderne Familie, ein moderner Auftrag

Die Villa entsteht aus einem sehr konkreten Wiener Zeitgefühl heraus: Julius Beer und seine Frau Margarete (Grete) kaufen 1929 Baugründe zwischen Wenzgasse und Lainzer Straße. Grete, ausgebildete Pianistin, denkt das Haus auch als Ort für Musik und Gesellschaft – nicht als stilles Privatrefugium.

Julius Beer steht gleichzeitig für eine neue, industrielle Welt: Über das Familienunternehmen werden ab 1910 Gummisohlen unter dem Markennamen “Berson” vertrieben – ein Produkt, das damals als Innovation gilt. Diese Verbindung von Unternehmergeist, Kultur und Moderne prägt auch den Auftrag an die Architekten Josef Frank und Oskar Wlach.


Das Besondere: Ein Haus, das euch “führt”

Wer in der Villa Beer unterwegs ist, merkt schnell: Hier geht es nicht um Zimmer an einem Flur, sondern um eine klug choreografierte Abfolge von Räumen, Blickachsen und Zwischenniveaus. Frank und Wlach greifen dabei Ideen des Raumplans auf – interpretieren sie aber weniger streng, freier und spürbar “wohnlicher”.

Herzstück ist die zentrale Treppe. Sie ist nicht bloß Verbindung zwischen Stockwerken, sondern ein räumlicher Drehpunkt: Ihr bewegt euch von “Platz” zu “Platz”, entdeckt Rückzugsorte und große Empfangsräume, ohne je das Gefühl zu haben, umständlich zurückgehen zu müssen. Genau dieses intuitive Vorwärtsgehen ist Teil der Idee vom “Haus als Weg und Ort”.

Schon beim Übergang vom Vorraum in die Halle wird das Programm klar: Der Blick wird durch die Tiefe des Hauses bis hinaus in den Garten gelenkt – Orientierung passiert hier fast nebenbei.


Musikzimmer, Teesalon – und ein Detail mit “Aha”-Effekt

Musikzimmer Villa Beer © Hertha Hurnaus

Musikzimmer Villa Beer © Hertha Hurnaus

Im Zentrum liegt das Musikzimmer auf Galerie-Ebene, das in den Teesalon übergeht – erkennbar auch an dem markanten runden Fenster im vorspringenden Erker. Das ist kein Dekor-Gag, sondern erzählt von Nutzung: kleine Runden, Musik, Zuhören, Verweilen. Und ja: Man kann sich gut vorstellen, wie Klänge von hier in die Räume darunter “mitwandern”.

Ein weiteres Detail ist fast wie ein Fingerzeig: Die seitliche Service-Treppe wirkt mit ihrer Metallkonstruktion wie eine schmale Schiffstreppe. Dazu kommen als bewusste Farbakzente gelbe Anstriche und ein grüner Boden.


Grüner Boden als Statement: Gummi trifft Architektur

Villa Beer © Stefan Huger

Villa Beer © Stefan Huger

Überhaupt ist Material in der Villa Beer nie zufällig. Bemerkenswert (und ziemlich elegant als Idee): In mehreren Bereichen wird ein grüner Naturkautschuk-Boden eingesetzt – zur Bauzeit eine Weltpremiere und gleichzeitig ein stiller Verweis auf das Geschäftsfeld der Bauherrnfamilie.

Und dann sind da die Terrassen und Balkone: Von vielen Bereichen aus geht es nach draußen. Das Haus endet nicht an der Wand, es setzt sich im Freien fort – als zweite Bühne des Wohnens.


Die Geschichte kippt – und bleibt doch im Haus eingeschrieben

Villa Beer © Hertha Hurnaus

Villa Beer © Hertha Hurnaus

So modern die Villa gedacht ist: Die Realität der 1930er holt die Familie ein. Ab 1932 wird das Haus aufgrund finanzieller Schwierigkeiten vermietet – zeitweise wohnen hier prominente Namen der Unterhaltungs- und Opernwelt.

Mit der NS-Zeit wird es bitter. Das Haus geht in einem Zwangsverfahren an den Hypothekengläubiger, die Familie wird zur Flucht gedrängt. Julius und Grete können 1940 mit ihrem Sohn emigrieren; die Tochter Elisabeth (Liesl) wird 1942 deportiert und ermordet.

Diese Bruchlinien sind Teil der Villa Beer – nicht als “Beigeschichte”, sondern als Kontext, ohne den man die Wiener Moderne nicht ehrlich erzählen kann.

Restaurierung: so viel Original wie möglich

Dass die Villa heute wieder so überzeugend wirkt, liegt auch daran, dass über Jahrzehnte keine “Totalsanierung” passiert ist – vieles blieb erhalten, auch wenn die Bausubstanz litt.

Die Restaurierung setzt deshalb stark auf Substanztreue: Fensterrahmen, Original-Heizkörper, Böden, Einbauten – all das wurde, wo möglich, bewahrt. Selbst die Fassadenoberfläche wurde so genau wie möglich rekonstruiert; dafür wurde vor Ort Material in unzähligen Versuchen abgestimmt, bis Körnung, Farbe und Textur wieder stimmten.

Besonders eindrucksvoll ist der Fenster-Teil der Geschichte: Ein großer Anteil der Glasscheiben stammt tatsächlich noch aus der Bauzeit. Historisches Glas wurde vorsichtig ausgebaut und wieder eingesetzt; Beschläge wurden nach Vorbild angepasst oder erneuert. Und bei der Energieversorgung geht es heute nachhaltig weiter – mit Geothermie und Solar, ohne das Haus “technisch zu überrollen”.

Künftig wird die Villa als lebendiger Ort genutzt: Sie ist im Rahmen individueller und dialogischer Führungen zugänglich, an Wochenenden auch ohne Führung. Ergänzt wird das Angebot durch kulturelle Veranstaltungen, Symposien, Forschung, Publikationen und Bildungsprogramme.
Ab 8. März könnt ihr die Villa Beer besuchen, unter der Devise „Berühren erlaubt!“.

Open House am 8. März 2026

Zum Auftakt am Sonntag, 8. März 2026, gibt es ein Open House von 10 bis 18 Uhr. Der Besuch ist über Zeitfenster-Tickets (60 Minuten) organisiert; die Buchung startet online ab 1. Februar 2026.

Geöffnet werden für Besichtigungen und Führungen Erdgeschoß, Zwischengeschoß und erster Stock – also genau jene Bereiche, in denen sich die “Wohn-Dramaturgie” der Villa am stärksten entfaltet.

Tipp: Wenn ihr euch die Eröffnung ansehen wollt, schaut früh in den Ticketshop – Zeitfenster-Systeme sind bequem, aber schnell weg.

Datum: Sonntag, 8. März 2026
Ort: Villa Beer, Wenzgasse 12, 1130 Wien
Öffnungszeiten: Open House 10:00–18:00 Uhr
Eintritt: Zeitfenster-Ticket (60 Min.); Online-Reservierung ab 1. Februar 2026
Anreise: U4 bis Braunschweiggasse, dann zu Fuß (ca. 5–10 Min.)
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