Kein Akku, kein Display und weit und breit keine Steckdose: Vor rund 1.800 Jahren genügte einem römischen Reisenden ein Sonnenstrahl, um die Zeit zu bestimmen. Wie das funktionierte, zeigt das Kunsthistorische Museum in der Ausstellung „U(h)rknall“ anhand einer erstaunlich kleinen Taschensonnenuhr.
Stell dir vor, du reist von Rom nach Alexandria. Die Fahrt dauert nicht wenige Stunden wie heute, sondern viele Tage oder sogar Wochen. Ein Smartphone hast du natürlich nicht. Auch eine Armbanduhr gibt es noch lange nicht. Trotzdem möchtest du wissen, wie spät es ungefähr ist.
Ein wohlhabender Römer konnte für diesen Zweck einen besonderen Reisebegleiter einpacken: eine Taschensonnenuhr. Ein besonders gut erhaltenes Exemplar steht nun im Mittelpunkt der Reihe „Vitrine EXTRA“ im Kunsthistorischen Museum Wien.
Eine kleine Dose voller Wissen
Auf den ersten Blick wirkt die Uhr beinahe unscheinbar. Sie besteht aus Bronze, ist rund und misst nur etwa vier Zentimeter. Damit passt sie tatsächlich in eine Tasche – sofern die römische Kleidung eine passende Tasche hatte.
Auf dem Deckel befindet sich das Bildnis des Kaisers Antoninus Pius, der von 138 bis 161 nach Christus regierte. Entstanden ist die Sonnenuhr in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Sie ist somit ungefähr 1.800 Jahre alt.
Das Spannendste versteckt sich jedoch im Inneren der kleinen Bronzedose. Dort befinden sich ein Zeiger und vier austauschbare Scheiben. Jede Scheibe trägt auf beiden Seiten ein anderes Liniensystem. Diese Diagramme waren für verschiedene Regionen und Breitengrade des Römischen Reiches berechnet – von Britannien bis Ägypten.
Warum die Uhr auf Reisen neue Einstellungen brauchte
Eine gewöhnliche Sonnenuhr arbeitet mit dem Stand der Sonne. Doch die Sonne steht in Alexandria anders am Himmel als in Rom oder im nördlichen Britannien. Eine fest eingestellte Sonnenuhr hätte deshalb unterwegs falsche Ergebnisse geliefert.
Die Römer lösten dieses Problem ähnlich wie wir heute eine Zeitzone am Smartphone auswählen: Der Besitzer setzte jene Scheibe ein, die zu seinem Aufenthaltsort passte. Dann musste er die kleine Dose so halten, dass ein Sonnenstrahl durch einen Schlitz in der Seitenwand fiel. Auf der Skala ließ sich anschließend die ungefähre Zeit ablesen.
Ganz so bequem wie der Blick aufs Handy war das nicht. Ohne Sonne funktionierte die Uhr überhaupt nicht, und für die richtige Verwendung brauchte man einiges an Wissen. Dafür kam das Gerät ohne Batterie, Funkverbindung oder Softwareupdate aus.
Das Luxusgerät eines reichen Römers
Alltägliche Massenware war die Taschensonnenuhr vermutlich nicht. Bronze, Kaiserporträt und die aufwendig berechneten Scheiben sprechen dafür, dass sie einem wohlhabenden Besitzer gehörte. Sie war wahrscheinlich nicht nur praktisch, sondern auch ein Statussymbol – vergleichbar mit einer kostbaren Armbanduhr oder dem neuesten Smartphone.
Heute sind weltweit nur etwa 20 römische Taschensonnenuhren bekannt. Bei vielen haben sich lediglich einzelne Bestandteile erhalten. Das Exemplar des Kunsthistorischen Museums gilt als eines der vollständigsten und am besten erhaltenen Stücke dieser Art.
Die Ausstellung zeigt damit viel mehr als ein altes Messgerät. Die winzige Uhr erzählt von Menschen, die über große Entfernungen reisten, astronomische Beobachtungen nutzten und überraschend raffinierte technische Lösungen entwickelten. Wer genau hinsieht, entdeckt in der Vitrine eine ganze mobile Welt – zusammengefaltet auf nur vier Zentimeter.
Veranstaltungsdetails – Vitrine EXTRA #9: U(h)rknall
Ausstellung: U(h)rknall – Mit einer römischen Taschensonnenuhr auf Reisen
Zeitraum: Freitag, 25. September 2026, bis Sonntag, 14. März 2027
Ort: Kunsthistorisches Museum Wien, Antikensammlung, Saal XIV
Adresse: Maria-Theresien-Platz, 1010 Wien
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr; an ausgewählten Feiertagen gelten Sonderöffnungszeiten
Eintritt: regulärer Museumseintritt; Erwachsene online 22 Euro, an der Kassa 24 Euro; ermäßigt online 19 Euro, an der Kassa 20 Euro; Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren frei
Anmeldung: Für den regulären Museumsbesuch ist derzeit kein Zeitfenster erforderlich.
Zielgruppe: für Erwachsene, Familien und Kinder geeignet
Anreise: U2 oder U3 bis Volkstheater; Straßenbahn D, 1 oder 2 bis Burgring; Bus 2A oder 57A
Barrierefreier Zugang: über den Seiteneingang Burgring 5
Hinweis: Öffnungszeiten und Eintrittspreise können sich ändern. Prüfe die aktuellen Angaben vor deinem Besuch auf der Website des Museums.x
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